Hume unter Beschuss
These: Peter Thiel will Hume ausradieren und damit die Uno abschaffen.
David Hume kam 1740 zur Einsicht, dass das Prinzip von Ursache und Wirkung nicht in der Natur da draussen liegt. Kausalität ist empirisch einfach nicht nachweisbar. Das Suchen und vermeintliche Finden von Ursachen ist nur eine geistige Gewohnheit bzw. Brauchtum.
Im Grunde bastelt der heutige Wissenschaftler mit Hume nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum, aus Sentimentalität und Hoffnung auf eine Tenure Position. Ob man dieses Try/Error jetzt als Ursache/Wirkung, empirische Induktion oder wie auch immer bezeichnet ist vollkommen wurscht. Er bastelt mit Hume und weiss das auch. Und das ist gut und richtig so.
Kant dachte Hume durch und sagt: wenn es das Prinzip Ursache und Wirkung da draussen nicht gibt, sondern nur als Sentimentalität im menschlichen Denken, dann flogt daraus, dass auch Gott nur eine Sentimentalität ist. Denn Gott wurde bisher (also bis zu Kants Zeit) bewiesen, und zwar rational, mit dem Argument dass er der unbewegte Beweger ist.
Wir mögen heute zwar der Ansicht sein, dass damals im Mittelalter den Katholiken der Gottesbegriff mit Zwang hineingefoltert wurde, aber nichts könnte falscher sein. Der Glaube an Gott wurde als Zeichen der höchsten rationalen und empirischen Weisheit verkauft. Das war der Trick.
Der Gottesbeweis lief derart: jede Wirkung muss in der Natur eine Ursache haben, diese Ursache ist wieder eine Wirkung einer anderen Ursache. Ein unendlicher Regress ist rational nicht zu akzeptieren, daher muss es eine ursachenlose Ursache geben, die wir Gott nennen. Ewig ist und waltet, sein wird immerdar.
Dieser Gottesbeweis fiel nicht erst mit der Urknalltheorie, kann auch nicht, weil Ursache nicht nur zeitlich gedacht werden kann, Urknall reicht also nicht, zu plump. Nein, Nein, der Gottesbeweis fiel viel fundamentaler und schon mit Hume. Der Fall der empirischen Induktion war der Beginn der Aufklärung.
Der Beginn der Aufklärung war, dass man den Kirchenvätern nachwiess, dass sie nicht so rational waren wie sie glaubten. Deren Versuch erwiess sich also mit Hume als Irrtum. Soll nix Schlimmeres passieren, würde man denken, irren ist menschlich. Nur weil der Beweis nicht klappt, ist Gott ja noch nicht gänzlich vom Tisch. Alles entspannt.
Kant wies darauf erstmal entspannt hin und ging dann fröhlich in eine andere Richtung. Kant kritisiert Hume, in dem er den Hume’schen Begriff der Sentimentalität genauer fasst und klärt um ihn vor irrationalen Angriffen zu schützen.
Denn, so Kant, das Prinzip von Ursache und Wirkung sei nämlich gar nicht zufälliges Brauchtum, sondern das Prinzip liegt vielmehr im Hirn des Menschen verankert. Der Mensch kann gar nicht anders, als sein Hirn ständig nach Ursachen zu durchforsten. Der Mensch forscht und experimentiert aus dem Trieb der freien Neugier.
Nun ging Kant dieser neu gefundenen freien Neugier nach und überlegte sich, wie denn die Nationen untereinander, wenn sie frei und neugierig sind, wohl am Besten miteinander auskämen. Er legte die Idee der vereinten Nationen, also der Uno.
Die Sache mit der Uno hat eine Misslichkeit: um von Hume auf die Uno zu kommen, muss man schon ziemlich viele Schritte gehen und einige Annahmen akzeptieren. Wie der geneigte Leser dieser Abhandlung vielleicht bemerkt, ist meine kurze Darstellung ziemlich sprunghaft. Der komplette Weg zur Uno bräuchte halt ein paar hundert Seiten.
Im Gegensatz dazu ist der Weg zu Gott schnell erzählt: Ursache -> Wirkung, Vermeidung von Regress -> Gott. Mehr ist da nicht. Leuchtet dem gesunden Menschenverstand sofort ein.
Und hier setzt der “God bless our Great Nation” Verfechter ein (ich nannte ihn am Anfang Peter Thiel, Orban geht auch, Thiel ist nur ein Label). Hume wäre ein Fehlalarm gewesen, so die Botschaft von Thiel. Denn mit Hume wäre ja Sentimentalität die Grundlage von Moral! Ein so ein transzendentaler Blödsinn! Mehr noch: der Antichrist hat zugeschlagen! Wir müssten zurück zum gesunden Menschenverstand, wir müssten hier eine neue Renaissance einleiten. Natürlich, so lügt Thiel, sei die Ursache in der Natur und damit bei Gott zu finden! So die Anti-Hume Strategie.
Zu dieser perversen Anti-Hume Strategie kommt noch die Perversion hinzu, dass unser proverbialer Thiel darauf hinweist, dass feministische Denkerinnen (wie etwa Anscombe) ein paar der alten weissen Denker zu recht kritisiert haben. Weil natürlich auch Hume der rationalen Kritik untersteht.
Soweit ich sehe, hat Anscombe ihre Kritik an Hume 1958 in einem guten Aufklärungssinn formuliert. Aber das seien alles nur Details, so mein Thiel, damit müsse sich der gesunde Christ nicht lange rumschlagen. Hume sei widerlegt, Hume sei falscher Alarm. Wer Gott nicht als beweisen ansehe, dem fehle es wie Hume an Weisheit. So wieder der Tenor unseres Thiel.
Thiel will mit Gott die Männer der Aufklärung diskreditieren. Es geht Thiel nicht primär um Weisheit und Gott, er braucht sie nur als Mittel zum Zweck, nämlich zum Aushebeln von Hume um damit das Kind Humes als Idee selbst zu zerstören: um die Verständigung der Nationen, die Uno zu zerstören.
Ich finde es nicht allzu weise, Gott als bewiesen anzusehen. Es fehlt jedoch niemandem an Weisheit, wenn er an Gott glaubt und auf Gott hofft (wie etwa der geschätzte Holm Tetens). Das war Kant und Hume vollkommen klar. Und mir auch.
Ps. eine kleine persönliche Verschwörungserzählung: am Ende des Tages scheisst sich Silicon Valley vor einem breiten Buddhismus an, weil als Buddhisten selbst dessen mentale Kraft kennend. Eine funktionierende Uno wäre tatsächlich eine Möglichkeit zum globalem Buddhismus. Für uns wie für Hume ist es von daher noch zu früh Gott endgültig ins Nirvana zu befördern.