Eine Ursache für den unsinnigen Angriff der israelisch-amerikanischen Regierung auf den Iran ist, dass General Caine keinen Standpunkt eingenommen hat. Caine wiederholte immer wieder, dass es nicht seine Rolle sei, dem Präsidenten zu sagen was dieser tun solle.

Ich schenke hier mein volles Vertrauen einem Artikel der NY-Times.

Caine, der ehemalige “Top Gun” und nun “Top Military Advisor”, versorgte den US-Präsidenten Donald Trump mit Fakten.

Nach modernem Verständnis ist das reine versorgen mit Fakten moralisch neutral. “Da kann man nichts falsch machen”, so die moderne Ansicht.

Diese Ansicht ist falsch.

Nachfolgend die Kernaussage von Thomas Pynchon in “Gravity’s Rainbow - Die Enden der Parabel”, Seite 678 (von 1194):

Regen tropft, dringt in den Boden, und Slothrop spürt, dass er den Verstand verliert. Wenn etwas tröstliches - Religiöses wenn man will - in der Paranoia liegt, so gibt es doch auch eine Anti-Paranoia, in der nichts mehr mit irgend etwas anderem verknüpft ist, ein Zustand, den nicht viele von uns lange ertragen. Und genau in diesem Augenblick fühlt Slothrop, wie er in die anti-paranoische Phase seines Kreislaufs hinübergleitet, wie sich die Stadt um ihn zurückzieht, dächerlos, verletzlich, ohne Zentrum wie er selbst, bis nur noch Pappkartonbilder vom mithörenden Feind zwischen ihm und dem nassen Himmel übrigbleiben.

Nur die Wenigen von uns ertragen die Unverknüpftheit, dieses “nix hängt mit nix z’samm”. Ich vermute stark dass viele von diesen Wenigen Militärs sind. Ich weiss dass viele von diesen Wenigen Wissenschaftler sind. Wir werden über Dekaden trainiert einen Zusammenhang erst dann anzuerkennen, wenn ewig viele Tatsachen vorliegen und ein Nobelpreis vergeben wurde. Wer will schon den Einfluss von Mondphasen auf das Haarwachstum akzeptieren? Das öffnete ja die schiefe Ebene zum Schamanismus. Da muss man skeptisch bleiben.

Ich nenne dieses Umarmen der Unverknüpftheit die Boltzmann-Einstellung. Boltzmann hatte Riesenerfolge verbuchen können mit seiner Annahme, dass alle Zustände zufällig, gleichberechtigt und unverknüpft sind. Also nicht er persönlich hatte die Erfolge, denn knapp nachdem der noch unbekannte Einstein begonnen hatte, diese damals neuen Ideen durchzubringen, nahm sich der berühmte Boltzmann das Leben.

Die Boltzmann-Einstellung ist tief in den Wissenschaften verankert, Wittgenstein hat das Ganze dann komplett der Philosophie übergestülpt. Philosophie als Hilfswissenschaft zur Klärung der Begrifflichkeiten. Philosophie als Klärung von “Protokollsätzen”. Philosophie als “Analytik der Wahrheit”.

Dieser Fetisch für Protokollsätze ist ein Irrtum. Wir brauchen, im Gegenteil, Foucaults “Ontologie der Gegenwart”. Ontologie heisst: “Was ist da draussen und wie sieht es aus?”. Gegenwart heisst: jetzt, nicht früher. Die Frage ist: “Was sind wir in diesem Moment? Was ist unsere Gegenwart?”.

In diesem Sinne viel zu kurzgedacht, gab General Caine, völlig korrekt und einwandfrei, die Zahl der Raketen und Abwehrraketen zu Protokoll. Weil er’s kann und aushält. Das war falsch, denn sie wissen nicht was sie tun. Caine ist keinesfalls ein politischer Loyalist, jedoch Boltzmann-naiv, vielleicht Postenbewusst, jedenfalls keiner Weiterdenkverpflichtung verhaftet.

Und doch: General Caine hätte die Frage nach der Ontologie der Gegenwart stellen müssen. Sein Vorgänger, General Milley, hatte das sehr wohl getan und allzu grobe Verrücktheiten des Donald vorzeitig (und anscheinend erfolgreich) gestoppt.

Aber der Top-Pilot, Techniker, Wissenschaftler sperrt sich dieser Anforderung. Er fragt sich “Warum soll ich meine moralisch einwandfreie Position kompromittieren? Weil meine Zuhörer zu dumm sind meine Protokollsätze als solche und nur solche zu erkennen? Sicher nicht! Ich gebe “tactical advice”, nicht “strategic counsel”. Es ist nicht meine Rolle dem Idioten zu sagen was er tun solle. Ich erörtere gewissenhaft, bis zur zweiten und dritten Ordnung, die möglichen Konsequenzen der zusammenhanglosen Prämissen.”

Diese Boltzmann-Einstellung ist in vielen Fällen tatsächlich akzeptabel. Die Boltzmann-Einstellung ist aber nicht moralisch neutral. Da kann man sehr wohl viel falsch machen. Die Boltzmann-Einstellung ist nicht der Weisheit letzter Schluss.

Man denke sich einen Rechtsanwalt, der sich auf das Aufsagen von Paragraphen beschränkt. Seine Kanzlei könnte morgen zusperren. Ein guter Anwalt kümmert sich neben der “Analytik der Wahrheit” hauptsächlich um den Mandanten und seine “Ontologie der Gegenwart”.

Auszüge aus dem NY-Times Artikel

Worte in [eckigen Klammern] sind von mir.

General Caine’s role in the lead-up to the war captured a classic tension between military counsel and presidential decision-making. So persistent was the chairman [Caine] in not taking a stand — repeating that it was not his role to tell the president [Donald Trump] what to do, but rather to present options along with potential risks and possible second- and third-order consequences — that he could appear to some of those listening to be arguing all sides of an issue simultaneously.

General Caine — the man Mr. Trump liked to refer to as “Razin’ Caine” — had impressed the president years earlier by telling him the Islamic State [Iran] could be defeated far more quickly than others had projected. Mr. Trump rewarded that confidence by elevating the general, who had been an Air Force fighter pilot, to be his top military adviser. General Caine was not a political loyalist, and he had serious concerns about a war with Iran.

He also flagged the enormous difficulty of securing the Strait of Hormuz and the risks of Iran blocking it.

But he was very cautious in the way he presented his views to the president.

In practice, that meant the general might warn in one breath about the difficulties of one aspect of the operation, then in the next note that the United States had an essentially unlimited supply of cheap, precision-guided bombs and could strike Iran for weeks once it achieved air superiority.

To the chairman [Caine], these were separate observations. But Mr. Trump appeared to think that the second most likely canceled out the first.

Mr. Trump had a habit of confusing tactical advice from General Caine with [nicht gegebenem] strategic counsel.

At no point during the deliberations did the chairman [Caine] directly tell the president that war with Iran was a terrible idea — though some of General Caine’s colleagues believed that was exactly what he thought.

General Caine differed in almost every way from a prior chairman, Gen. Mark A. Milley, who had argued vociferously with Mr. Trump during his first administration and who saw his role as stopping the president from taking dangerous or reckless actions.