Transkript, Alice Schwarzer im Spitzengespräch, Spiegel, 18.2.2026
Moderiert von Markus Feldenkirchen

43:05 Feldenkirchen:
Sie wissen selbst z.B. ihre Position zur Migration stoßen bei jungen Feministinnen auf zum Teil harsche Kritik. Es ging rund um die Äußerung von Friedrich März im vergangenen Herbst auch wieder hoch her. Der Bundeskanzler sprach davon, dass wir natürlich noch diese Probleme im Stadtbild äh haben. Es folgten Proteste und viel Kritik am Kanzler. Wie stehen Sie dazu? Gibt es Probleme im Stadtbild, so wie er es meinte?

Schwarzer:
Kinderchen, das ist nicht ernst. Auf so ein Niveau wollen wir nicht gehen. Ich habe entschuldigen Sie mal, also die Migrationsdebatte ist doch keine Generationen Frage. Sie meinen, alle jungen Frauen oder jungen Männer denken das und alle Älteren denken das. Nein, wir haben ein Problem in diesem Land, das lange von manchen Kräften geleugnet worden ist. Wir haben sehr viele Menschen in unser Land gelassen, offensichtlich zu viele.

Wir haben nicht für eine ordentliche Integration gesorgt und vor allem, was z.B. die Zeitschrift Emma ab 2015 wortreich beklagt und begründet hat. Wir haben Männer und Frauen, die aus Kulturen kommen, in denen Frauen völlig rechtlos sind, juristisch und faktisch, in denen Gewalt gegen Frauen und Männer selbstverständlich ist, die aus diesen Kulturen kommen, die haben wir nicht integriert, denen haben wir nicht gesagt, pass mal auf, das läuft hier bei uns anders. Bei uns sind Frauen gleichberechtigt. Bei uns sind Männer nicht selbstverständlich gewalttätig. Sie sind auch gewalttätig, aber wir kritisieren das. Wir versuchen das zu ändern.

Also gerade Emma hat sich eine unendliche Mühe gegeben im Gespräch mit Flüchtlingshelfern, Sozialarbeiterinnen und so weiter konstruktive Vorschläge auszuarbeiten. Da hat Deutschland total versagt. Wir haben das laufen lassen. Wir haben Flüchtlingshelfer, die sagen, ist schon okay so wie du bist. und Fremde darin bestärken, sich nicht integrieren zu wollen, unsere Maßstäbe nicht lernen zu wollen. Also, das ist keine Altersfrage.

Es gibt ein bestimmtes Milieu, die selbsternannten Antirassisten, dass ich eine Antirassistin bin, dürfte selbstverständlich sein. Es gibt ein bestimmtes Milieu, das diese Probleme alle nicht sieht. Und was ist die Antwort? Die Antwort ist eine erstarkende AfD. Das ist doch völlig klar. Dafür warnt eine Journalistin wie ich. Ich bin ja nicht nur Feministin, ich bin ja auch eine politische Journalistin seit Jahren. Natürlich geht das in die Richtung.

Feldenkirchen:
Na ja, es gibt viele, die sagen, also klar, es gibt den Kampf für Frauenrechte und die Unterdrückung von Frauen, aber es gibt einfach multiple Formen von Unterdrückung, von Verfolgung und dazu können auch Menschen, die tatsächlich ein anderes Frauenbild haben in dem Land, wo sie herkommen, können die auch zählen, indem sie Flüchtlinge bei uns sind und hier auch Schutz brauchen, dass beides gleichzeitig möglich ist.

Schwarzer:
Es gibt aber Menschenrechte, die nicht in Frage gestellt werden können. Und wissen Sie, Kamel Daoud, der Algerier, der gerade ein wunderbares Buch geschrieben hat, Houris über dieses Problem in seinem Land, die sind ja die ersten Opfer. Die Musliminen, kritischen Musliminen und Muslime selbst, mit denen jemand wie ich Schulter an Schulter ist und oft auch befreundet ist, sind ja die ersten Opfer dieser Fanatiker. Kamel Daoud hat einen schönen Satz gesagt. Kamel Daoud hat gesagt, diese jungen Männer hat er sich auf Silvester 2015 in Köln bezogen. Diese jungen Männer, die da von weit hergekommen sind mit ihren Füßen, tausende Kilometer zurückgelegt haben. Diese jungen Männer müssen diese tausende Kilometer noch mit ihren Köpfen machen, damit sie wirklich bei uns ankommen und dabei müssen wir helfen und darauf müssen wir bestehen und das müssen wir fordern.

Sprecher:
Wer ein muslimisches Kopftuch trägt, kann keine Feministin sein, haben Sie gesagt. Warum ist es für Sie so unvereinbar? Also ich kann mir eine gläubige Frau vorstellen, die aus völliger Überzeugung, ohne dass es ihr ein Mann aufgeschwatzt hat, das Kopftuch trägt.

Schwarzer:
Ja, das kann ich mir auch vorstellen. es hat übrigens nichts mit Glauben zu tun, sondern mit Tradition. Das ist nun tausendfach bewiesen. So, Herr Feldenkirchen, wie wird das Kopftuch begründet? Das Kopftuch wird damit begründet, dass das Haar und der Körper einer Frau Sünde ist und deswegen bedeckt werden muss und nur vom eigenen Mann gesehen werden darf. Lieber Herr Feldenkirchen, sie haben jetzt mein ganzes Leben einmal durchgekämmt. Sie können sich vorstellen, dass eine Feministin wie ich mit diesem so verstandenen Menschenbild nicht einverstanden ist. Weder damit, dass der Anblick einer Frau Sünde sein soll, hatten wir früher auch mal. Noch damit, dass jeder Mann, fremde Mann ein wildes Tier ist, dass sich auf eine nicht bedeckte Frau stürzt. So, nun gibt es diese Tradition in manchen anderen Ländern. Wir erleben gerade den Iran. Wo Frauen und Männer, Bravo, Bravo und Männer ihr Leben riskieren für die Freiheit der Menschen. Und das Kopftuch ist das Symbol der Unfreiheit. Das Kopfstoch ist in allen, ich darf Sie informieren, in allen muslimischen Ländern das Symbol für das gesamte System der Ungleichheit der Frauen.

Es ist eine Schande, dass sie so tun, als sei das diskutabel. “Frau Schwarzer, was meinen Sie denn? Andere meinen ganz anders. Da werden sie aber kritisiert für.” Nein, Schluss mit diesem Gerede.

Feldenkirchen:
Schluss mit diesem Gerede? Na, die Fragen stelle hier schon noch ich und es ist natürlich so, dass es ein Unterschied ist, ob die Mullas im Iran etwas vorschreiben oder ob eine selbstbewusste Muslima in Deutschland sagt, auch wenn es nicht Ihrem [Schwarzers, Anm.] Frauenbild entspricht, ich möchte das so.

Schwarzer:
Es ist ein Unterschied, ob das im Iran das Symbol der größten Unfreiheit ist oder ob wir hier mit diesem Symbol der größten Unfreiheit freiwillig spazieren gehen.

Wissen Sie, ich würde keiner Frau, ich würde keiner Frau natürlich das Kopftuch verbieten. Das kann ich nicht. Wer bin ich? Ich rede mit jeder Frau, die ein Kopftuch trägt. Das individuelle Kopftuch, für das sich eine Frau entschieden hat, ist eins. Die Propaganda der Islamisten. Das ist nämlich das Symbol nicht des Islams, sondern des politischen Islams. Und Journalisten, wie sie scheinen sich immer noch zu weigern, endlich zu begreifen die Dimension der Bedrohung durch den politischen Islam, der auch sie bedroht.


39:41 Schwarzer:
Sie haben das vielleicht auch schon gesehen in ihrem Leben, wenn sie auf der Straße haben sie eine junge Frau, die sehr keck ist und sich sehr verwegen, aufreizend anzieht und eigentlich auch das Recht haben sollte, das zu tun. Der folgen aber auf der Straße gewisse Blicke von Männern und das sind Blicke, die abschätzlig sind und verächtlich. Sie [Männer, Anm.] halten diese Frau für ein Objekt. Gut, das muss man lösen. Deswegen sollten wir trotzdem die Freiheit für Frauen sich zu kleiden, wie sie wollen, habe ich mein Leben lang ja auch getan, so großhalten wie eben möglich.

Feldenkirchen:
Aber sie machen schon diese Einschränkung. Sie sagen, eigentlich sollten Frauen das Recht haben, sich so zu kleiden, wie sie sind. Sie wollen trotzdem mitgeben, bedenkt aber, dass die Männer so sind, dass sie dann gaffen und vielleicht tut es dann doch nicht.

Schwarzer:
Natürlich muss man bedenken, in welchem Kontext man ist und welche Signale man gibt.

Feldenkirchen:
Der Kontext ist hier deutsche Öffentlichkeit Straßenleben z.B.

Schwarzer:
Das muss man abwägen. Ich habe das auch schon mal geschrieben. Ich habe vor einiger Zeit habe ich in Köln ist in der Innenstadt der Ring, der ist so halb Rotlicht. Ja. Und darauf kam ich her und auf der Ecke stand eine junge Frau. Und da habe ich überlegt, ist das jetzt eine Frau, die auf einen Freier wartet oder wartet sie auf ihren Freund? Sie stand ja, weil sie so da stand, dass beides denkbar war. Warum? Weil diese Signale, die gegeben wurden, beides war denkbar. Und da dachte ich, ist ihr das bewusst, dass da auch das andere denkbar ist? Vielleicht hat sie nur auf den Freund gewartet.