Ich weiss nicht ob die Fachdisziplin Ethik Sinn macht. Karl Popper meint, es bringe nichts einem Ehebrecher zu erklären unter welchen Umständen er vielleicht doch u.s.w. Ich mein, in Fragen der Moral sind die Randbereiche klar: man stösst keinen Rollstuhlfahrer die Treppe runter.

Im grossen Mittelbereich dagegen sind moralischen Fragen komplett verwaschen. Ist der Bau einer Autobahn gut oder schlecht?

Mich nun abwendend von Ethik und Moral weiss ich, dass die Fachdisziplin Naturwissenschaft Sinn macht. Hier ist es genau der Mittelbereich in dem Klarheit hergestellt werden kann. Es sind nur die Randfälle die Scherereien machen. Die Bahnen aller Planeten sind klar erklärt, im Trüben bleibt nur der Randbereich kurz nach dem Urknall.

Da aus diesem Grund Naturwissenschaft einfacher ist als Ethik, schlage ich vor, jene Methoden, die im Ringen um eine weltliche Ethik hervorgebracht wurden, für die Naturwissenschaft zu verwenden. Auf dem einfacheren Gebiet haben die Methoden bessere Chancen.

“Berechne nur nach derjenigen Erklärung, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Urteil werde.”

Mein Lieblingsbeispiel ist das Naturgesetz der Zeitdilatation, also das Naturgesetz dass bewegte Uhren langsamer gehen. Ich kann nur wollen, dass jeder zu dem Urteil kommt, dass die Uhren der anderen langsamer gehen.

Denn das ist die beste Erklärung für die Zeilen von Brian May aus ‘39:

For so many years have gone
Though I’m older, but a year

Zeitdilatation als Erklärung von der man wollen kann, dass sie zum allgemeinen Urteil wird. Der Witz an diesem Ansatz ist, dass die Zeitdilatation gewissermassen degradiert wird, nämlich von einem Naturgesetz zu einem Urteil. Lassen wir das Wort Gesetz aus der Natur.

Es ist nicht der Fall dass jeder sich die Uhren langsam denken muss. Es ist nichtmal der Fall dass ich so denken muss. Aber es ist mein guter Wille, dass alle (mich eingeschlossen) so denken.

“Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut gehalten werden könne, als allein ein guter Wille.”

Es ist mein guter Wille, dass die beste Erklärung zum allgemeinen Urteil wird.

Nun bin ich doch wieder bei der Ethik gelandet. Der Spruch über den guten Willen ist von Kant. Wenn wir das Wort “Gesetz” aus der Natur lassen, wird die Naturwissenschaft von Haus aus ethisch. Und die ursprüngliche Blaupause für meinen Ansatz bekommt vielleicht langsam wieder Sinn:

“Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.”

Denn es sind wir, die die Gesetze machen.

Cournot’s Prinzip (Juni 2026)

Es heisst in §2 “Das Verhältnis zur Erfahrungswelt” von Kolmogorov, Grundbegriffen der Wahrscheinlichkeit

Ist P(A) sehr klein, so kann man praktisch sicher sein, daß bei einer einmaligen Realisation der Bedingungen G das Ereignis A nicht stattfindet.

Im Juni 2026 bin ich auf das Buch “Typicality Reasoning” von Lazarovici gestossen. Er bezieht Kolmogorov zurück auf A. A. Cournot und zeigt glaubwürdig, dass dessen Prinzip das einzig nötige ist zum Verständnis der Wahrscheinlichkeit.

A physically [i.e. empirically] impossible event is one whose [theoretical] probability is infinitely [i.e. very] small. This remark alone gives substance – an objective and phenomenological value – to the mathematical theory of probability. (Cournot, 1843)

Desweiteren wird ausgeführt, dass die Wurzel von Cournots Prinzip im Begriff der moralischen Sicherheit gefunden werden kann, ein Begriff der wohl schon bei Bernoulli und Leibnitz zu finden sein soll und heute mit “beyond reasonabe doubt” bezeichnet wird. Sicherheit ist dort zu finden wo Zweifel verachtenswert wird.

Weitere historische Analysen sind im Artikel “The History of Moral Certainty” von M. Hubert im Detlev Dürr gewidmeten Buch “Physics and the Nature of Reality” zu finden.

Ich bin also nicht der erste, der Ethische Prinzipien ins Spiel bringt. Surprise, surprise.