Unzählige Fakten
Das Zitat aus 1870 „The great tragedy of Science—the slaying of a beautiful hypothesis by an ugly fact“ sollte mit Vorsicht genossen werden. Es charakterisiert die Wissenschaft nicht gut.
Wissenschaft ist eine Methode. Ein gängiger Vorschlag für diese Methode ist: Eine Hypothese gilt dann als unwissenschaftlich, wenn sie nicht an der Erfahrung scheitern kann.
Folgt man diesem Vorschlag, dann bleibt eine Hypothese immer noch wissenschaftlich auch wenn sie dann tatsächlich an der Erfahrung scheitert. Die Hypothese ist also nicht erschlagen. Sie bleibt sehr lebendig, sie entspricht halt einfach nicht der Erfahrung.
Die klassische Elektrodynamik (KED) wird immer noch verwendet, obwohl sie den Photoeffekt nicht erklären kann. Weit entfernt von „the slaying by an ugly fact“. Das liegt daran, dass die KED immer noch vieles zu erklären vermag und die Mathematik praktikabel ist, man kann also Zahlen ausrechnen.
Die KED war ein wichtiger Zwischenschritt zur Quantentheorie QED. Man denke sich, der Photoeffekt wäre bekannt gewesen als Maxwell die KED hingeschrieben hat. Hätte man die Theorie verworfen? Hoffentlich nicht. Hoffentlich hätte man den Photoeffekt ignoriert.
Ich hege den Verdacht, dass es einige alte Hypothesen gibt, die einen Zwischenschritt zu einer verbesserten Theorie darstellen. Die Tragik ist, dass diese vielleicht als erschlagen gelten. Vielleicht müssten neue Messungen auch mal ignoriert werden um einen Schritt weiter zu kommen. Bestimmte Messungen zählen dann nicht, sind unzählig.
Wenn ich mir das jetzige Standardmodell der Teilchenphysik anschaue, würde ich paraphrasieren: „The great tragedy of Science—the support of an ugly hypothesis by countless facts“
Auch sollte man in Erwägung ziehen, beispielsweise mal die KED zu ignorieren. Aber nicht weil sie durch den Photoeffekt widerlegt ist, sondern weil … ja warum eigentlich? — Wer hier argumentieren will sollte sich eine Story ausdenken die erklärt und Charme und Witz hat. (Ich hab keine).
Eine Story die erklärt und Charme und Witz hat. Man wird mir diesen Vorschlag als Methodenlehre für die Wissenschaft wohl nicht durchgehen lassen.
Addendum Oktober 2025: (1) In der modernen Literatur wird der alte tragische Konflikt (nur durch den Tod lösbar) durch Trostlosigkeit ersetzt. Ich ersetze also “tragedy” durch “bleakness” und paraphrasiere erneut: „The great bleakness of Science—the support of an ugly hypothesis by countless facts“
(2) Es gibt tatsächlich eine Theorie, die die KED in gewisser weise ignoriert. Es ist Feynmans Absorber Theory (FAT). Es handelt sich dabei meines Wissen nach um eine Neuformulierung der KED, die tatsächlich genausogut wie die KED alle bekannten Phänomene erklären können soll. Die FAT ist also nicht wirklich ignorant und daher eigentlich zu gut für meinen Gebrauch. Die FAT ignoriert aber den Common Sense, den Hausverstand: die FAT geht von Wirkungen aus, die aus der Zukunft in die Gegenwart reichen. Wenn wir also den Glauben an Messergebnisse begreifen als einen Ausdruck des Common Sense, dann ist der Charme und Witz der FAT also doch ausreichend. Wer noch nicht überzeugt ist, sollte die Nobelpreisrede von Feynman lesen.
(3) Im Übrigen hat Bohr in seinem Atommodell die KED komplett ignoriert als er seinen Elektronen verbot auf ihrer Kreisbahn zu strahlen. Diesen Trick Bohrs, diesen Zwischenschritt, kennt zwar jeder Gymnasiast, aber es lohnt sich doch, sich Bohrs aktiver Ignoranz immer wieder bewusst zu werden.
Addendum Mai 2026: (4) Experimente stellen sicher, dass die so bestätigte Theorie einer Näherung der Nächstbesseren ist. Die Beobachtung von Ellipsenbahnen durch Kepler (Brahe) hatte schon im Vorhinein sichergestellt, dass die Theorie von Newton eine Näherung der noch nicht entdeckten von Einstein gewesen ist. Und noch immer ist. Wir sehen, die zeitliche Abfolge hat keine Relevanz, die Beobachtung hat schon im Vorhinein gewirkt.
Die Aufgabe einer Theorie A ist zuallererst die Erklärung der bestehenden Datensätze. Das stellt sicher, dass sie eine Näherung der Nächstbesseren B ist und bleibt, auch und gerade wenn die Nächstbessere B noch nicht bekannt ist.
Tauchen neue Datensätze auf, die nicht von Theorie A sondern nur durch eine nächste Theorie erklärt werden, ändert das nichts daran, dass A eine Näherung von B ist. Falls die nächste Theorie nicht nur die neuen sondern auch die alten Datensätze erklärt, ist diese Nächstbessere B gefunden und gesicherter, objektiver und allzeit gültiger Fortschritt erzielt. Sonst bleibt B unbekannt was nichts daran ändert, dass A eine Näherung von B ist.
Wohlgemerkt, nirgends ist die Rede von Zukunftsvorhersagen. Es reicht aus dass Newton aus sich selbst sagt in Zukunft zu gelten, wegen Energieerhaltung a.k.a. Zeitinvarianz.
Und ja, Experimente sind sehr wohl eine Bestätigung der Theorie, denn Experimente bestätigen dass sie tatsächlich eine Näherung der Nächstbesseren ist.
Erst als Einstein gefunden wurde, konnten wir abschätzen, was die Newton’sche Wert ist als das was sie ist und immer war, eine Näherung. Wenn Theorie B gefunden ist, können wir Theorie A erklären, das kennzeichnet den zweifelsfreien Fortschritt.
Schrödinger hat die Klein-Gordon Gleichung verworfen, weil sie die damaligen Daten nicht erklären konnte. Seine dann gefundene Wellengleichung passte auf die Daten und dadurch war sichergestellt, dass er eine Näherung der späteren Dirac-Gleichung gefunden hatte.
Niemand wird je behaupten, dass die Schrödinger-Gleichung durch das Beobachten der Lamb-shift falsifiziert wurde.
(5) Es ist nicht zwingend nötig, das Standardmodell der Teilchenphysik in immer neuere Erfahrungsbereiche hineinzutesten. Wenn sich das Standardmodell mal für hundert Jahre bewährt hat ist es eine gut genuge Näherung und man kann gern mal aufhören weiter in die Materie hineinzubohren. Teleskope ins Weltall zu richten hat eh viel mehr Charme.