Ich setze die Beistriche, die Kommata, zuerst immer grosszügig und nach Gefühl. Und dann, idealerweise, nehm ich die raus, für die ich keine Regeln finden kann.

Beim zweiten Schritt des Rausnehmens bin ich etwas lax, was natürlich moralisch nicht in Ordnung ist, weil wenn jeder das Korrigieren unterlässt, dann ist alles Kraut und Rüben.

Meine Praxis ist unorthodox. Denn im Deutschunterricht war die Order immer: Beistriche niemals nach Gefühl setzen! Immer nach den Regeln.

Nun, ich hab das probiert. Beim Diktat zuerst keine Beistriche setzen und dann (dafür hat man extra Zeit bekommen) am Ende die Beistriche einfügen. So war die Order.

Was soll ich sagen: es war ein Desaster. Von Schweissausbrüchen geplagt sass ich vor dem kommatalosen Wörtersud und wusste nicht was ich mit den Regeln jetzt soll.

Bis ich im Stress auf den Trichter kam, aus Not heraus, die Order zu ignorieren und die Beistriche zuerst nach Gefühl zu setzen und dann nach den Regeln auszusortieren.

Das klappte hervorragend. Niemals nach Gefühl, a so ein Blödsinn.

In einer früheren Crônica hatte ich mal erwähnt, dass ich den Sinn der Ethik nicht ganz versteh, weil die Ehebrecher sowieso tun was sie tun, es also keinen Sinn macht Umstände anzugeben unter denen vielleicht doch u.s.w.

Damals hatte ich noch nicht erkannt, dass es mit den Ethikregeln wie mit den Beistrichregeln ist. Soll heissen: die Ethik ist für jene da, die schon ethisch sind. Für den, der von Haus aus gut sein möchte sind ethische Regeln sehr hilfreich um seinem Gefühl rationale Sicherheit zu geben.

Dem geneigten Leser wird jetzt vielleicht ein Lächeln um die Lippen spielen, weil ich wiedermal der Letzte bin, der das alles kapiert hat. Warum wären sonst die 10 Gebote in die Form “du sollst nicht” gegossen? Wenn du gut sein willst, dann sollst du nicht lügen. So ist die Idee.

Der gute Mensch setzt also seine Handlungen nach gutem Gewissen, nach gutem Willen, nach guter Absicht. Der Gutmensch belässt es dabei, darum ist Gutmensch auch ein Schimpfwort. Der ethische Mensch klopft seine nach Gefühl gesetzten Handlungen nach allgemeinen Regeln ab.

Beachte ich ethische Regeln, dann widerspricht das Gutsein also zumindest nicht der Rationalität. Die Ethikregeln sind der Garant dafür, dass ich gut sein darf wenn ich das denn aus freien Stücken sein will.

Hier gehört her, dass die Entscheidung zur Rationalität, zum sich nicht selbst Belügen, dass diese Entscheidung selbst eine spirituelle Praxis ist. Die Rationalität kann rational nicht begründet werden. Hat man diesen spirituellen Schritt zur Rationalität aber getan, muss man sämtliche anderen spirituellen Gepflogenheiten auf Kompatibilität abklopfen.

Und: genauso wie Beistrichregeln und Ethikregeln für jene da sind, die schon Kommatas nach Gefühl und Handlungen nach gutem Willen gesetzt haben, sind Gottesbeweise nur für jene da, die von vornherein schon an die Existenz Gottes glauben. In jeden Fall bereiten allen Anderen die Gottesbeweise Schweissausbrüche.